Podcast #3 – Die Stimme aus dem Grabstein

 

Unter Mitwirkung von:

Sprecherin: Helena Stössel
Sprecher, Spieluhr und Balalaika: Steffen Schwendner
Konzeption und Schnitt: Clemens K. Thomas

Shownotes:

Weiterführende Links findet ihr hier:

Die nächste Folge

#4 – Stimmen im Kopf erscheint am 1. November!

Advertisements

Die Stimme des Vaters

Nach Andrei Platonows gleichnamigen Theaterstück (1940), bearbeitet und übersetzt von Ruslan Khazipov und Clemens K. Thomas.

JAKOW
Vater, warum bist du gestorben? Warum liegst du hier allein im Grab? Ich liebe dich doch sowieso!

DIE STIMME DES VATERS
Ich bin nicht hier, mein Lieber. Das Grab unter dir ist leer.

JAKOW
Aber wo bist du dann? Ich bin zu dir gekommen…

DIE STIMME DES VATERS
Im Grab ist niemand – nur Erde, und was dort eingeht, wird auch zu Erde. Aber Erde verwandelt sich in Blumen und in Bäume – und geht durch sie hinaus ans Licht.

JAKOW
Aber wo bist du denn jetzt, Vater?

DIE STIMME DES VATERS
Ich bin in deinem Herzen und in deiner Erinnerung. Ohne dich bin ich tot für immer.

JAKOW
Papa, und wie wirst du leben, wenn ich auch irgendwann sterbe?

DIE STIMME DES VATERS
Dann verschwinde ich zusammen mit dir.

JAKOW
Aber ich vergesse dich oft, wo lebst du dann?

DIE STIMME DES VATERS
Ich lebe dann in deinem Vergessen.

JAKOW
Papa! Warum willst du noch leben, wo du schon gestorben bist?

DIE STIMME DES VATERS
Nein, mein Leben ist beendet. Aber ich will dich vor Leid bewahren. Darum lebe ich dir zur Hilfe.

JAKOW
Du lebst nur meinetwegen?

DIE STIMME DES VATERS
Ich quäle mich für dich, damit du mich nicht verrätst.

JAKOW

Verraten?

DIE STIMME DES VATERS – singt seine Romanze:
Sieh dich um. Hier sind nur Gräber. Und in ihnen sind Menschen. Sie alle starben, ohne das wahre Leben kennengelernt zu haben. Sie alle, die Toten, sind nicht deshalb gestorben, weil ihr Körper vor Glück ermattete und der Verstand vor Wahrheit. Nicht deshalb. Doch wollten auch wir eine große Welt der edlen Menschheit erschaffen. Wir glaubten an die schöne Seele des Menschen.  Wir glaubten nicht in uns selbst, sondern in dem künftigen Menschen. Und wir geben diese Hoffnung weiter an euch, unsere Kinder. Und ihr dürft uns nicht verraten. Und wenn ihr uns verratet, dann ebnet unsere Gräber ein!

JAKOW (lächelnd)
Papa! Du bist vor langer Zeit gestorben. Deine Arbeit über Kraftstoff für Maschinen hat inzwischen Millionen Tonnen Masutöl eingespart, und Mama bekommt eine Rente.

DIE STIMME DES VATERS
Die Natur ist kein Feind des Menschen.

JAKOW
Wer ist denn der Feind des Menschen?

DIE STIMME DES VATERS
Ein Mensch.

JAKOW
Und wer ist sein Freund?

DIE STIMME DES VATERS
Auch ein Mensch: In den Händen einer Bestie wird die höchste Technik nur eine Waffe gegen den Menschen.

JAKOW (aufgeregt)
Du hast recht, Vater! So machen es jetzt die Feinde der Menschen, aber wir zerquetschen sie, weil die beste Technik – das ist der hochwertigste Mensch, und der lebt bei uns in der Sowjetunion.

DIE STIMME DES VATERS
Wodurch hast du das erkannt?

JAKOW
Das habe ich bei Stalin gelernt.

DIE STIMME DES VATERS
Worin besteht seine Lehre?

JAKOW – singt seine Arie:
Ich habe selbst noch nicht alles begriffen. Aber ich weiß, dass Stalin alle Menschen belehrt, treue Kinder ihres Vaters zu sein, er befiehlt, niemals das zu verraten, was in den Vätern an Höchstem und Menschlichem war, er will aus der menschlichen Heldenseele ein Weltgesetz schaffen. Er war selbst Schüler Marx’ und Lenins.

Hier erscheinen der Angestellte und der Milizionär. Sie sprechen und singen alles gleichzeitig.

ANGESTELLTER (spricht)
Wir
werden hier einen Vergnügenspark anlegen! Ach! Hier wird:
– singt sein Liedchen: –
Karusell, Feuerwerk, Sauermilch, Brottrunk, Kompott, Eis, Dosenwerfen, Waffeln, Brötchen, Dirnen und Rumtreiber, Imbissbuden, Pfannkuchen, Wurstsemel, Kohlsuppe, Fruchtgetränke, Ziehharmonikaspieler! Karamel, Feuermilch, Sauerwerk, Furchttrunk, Kompass, Vieh, Dosenbuden, Waffen, Bettchen, Treiber und Rumdirnen, Imbisswerfen, Pfannsuppe, Kohlsemmel, Wurstkuchen, Brotgeschenke, Eisharmonikaspieler! – Das sind wir! – Pfannensport, Euerzwerg, Monika, Kohlbrust, Affe, Hau, Karowerfen, Mädchen, Bube, Nieder, rund, Umspieler, Semmelpuppe, Furcht-im-Bus, Bett-ist-heiss, Zahntreiber, Busen-samen, Dosengetränke-Saumilch! – Wir lieben es, Schönheit und Nutzen aus Altstoffen zu bauen! – Aruel, Uerwk, Aeich, Otun, Omo, Ih, Osenere, Ael, Bötn,  Dine-ud-Utibr, Ibibue, Pankue, Wueme, Koupe, Rugäreke, Iaoniapile! WK! CH! TN! SNS! BR! RG! PN!

MILIZIONÄR
Wart ihr das nicht, die im Vorortbezirk eine Schmiede kaputt machten und aus der Schmiede ein Badehaus bauten? Und dann habt ihr das Badehaus abgerissen und wieder eine Schmiede gebaut? Und so weiter: mal das Badehaus, mal die Schmiede, bis das ganze Material verbraucht war.

Der Milizionär und der Angestellte stellen ein Lenin-Denkmal auf – genau dorthin, wo das Grab des Vaters war. 

JAKOW (am Lenin-Denkmal)
Vater! Ich will allein leben für Euch alle die Toten!

Podcast #1 – Radio der eingetretenen Zukunft

Unter Mitwirkung von:

Sprecherin: Helena Stössel
Sprecher, Spieluhr und Hupe: Steffen Schwendner
Konzeption und Schnitt: Clemens K. Thomas

Shownotes:

Weiterführende Links findet ihr hier:

Die nächste Folge…

Podcast #2 – Die Stimme aus dem Blumentopf

„Im Fluss des Symphonischen“

yoffe_symphoniker

… so lautet der Titel von Boris Yoffes Buch über die sowjetische Symphonik. Es erschien 2014 im Wolke Verlag. Im Vorwort schreibt Ruslan Khazipov…

Über den Autor. Über das Buch

Der Autor dieses Buches, Boris Yoffe (geb. 1968) ist Komponist. Sein wichtigstes Werk, das Quartettbuch, hat nichts mit der Orchestermusik und dem symphonischen Denken gemeinsam, ebensowenig seine Symphonie für Gitarre, Gambe, Cello und Stimme. Yoffe war weder Schüler der sowjetischen Klassiker, noch ist er ihr musikalischer Nachfolger. Trotzdem gehört ausgerechnet ihm die Idee dieses Buches – eine Idee, zu deren Realisierung er zunächst ihm bekannte Musikwissenschaftler zu animieren versuchte, mit Freude und Enthusiasmus. Niemand hat aber diese Idee aufgenommen, oder man hielt diese Aufgabe für zu schwer! Nach der Publikation seines Buches Musikalischer Sinn begann Boris Yoffe sich erneut intensiv mit dem symphonischen Thema auseinan- derzusetzen und er versuchte mich zu überzeugen, ein Buch darüber zu verfassen. Schließlich ließ ich mich für die Idee begeistern und sagte zu, einen Großteil des Textes zu schreiben… Allerdings war es zu erwarten, dass Boris – mit seiner brennenden Hingabe und seinem ungeheuren Arbeitstempo – letztendlich das Ganze selbst in die Hand nehmen würde, um seine Ursprungsidee adäquat zu verwirklichen. Was dann ganz in meinem Sinne war: so würde ich seine neuen scharfsinnigen, lebendigen und tiefgründigen Texte lesen können! Meine Erwartungen haben sich bestätigt, er hat sich alsbald intensivst in die Nachforschungen vertieft, und mein Teil der Arbeit beschränkte sich allein auf ein Kapitel zu einem für mich besonders wichtigen und interessanten Thema. Abgesehen davon ist mein Bezug zur sowjetischen Kultur eher indirekt, mein bewusstes Leben begann erst nach der Wende, wobei Boris Yoffe…

Boris Yoffe, Autor des Quartettbuches und kein Schüler Tischtschenkos oder Slonimskis, wurde geboren in der von Peter dem Großen erfundenen Stadt Leningrad, in der mythischen Union der sowjetischen Republiken. Dort ging er zur Schule, dort bekam er ersten Violinunterricht und dort hätte für ihn fast eine erfolgreiche Geigen-Virtuosen-Karriere begonnen – mit dem Violinkonzert von… Chrennikow! Dort lernte er seinen wichtigsten Lehrer, den brillanten Musiktheoretiker Adam Stratiewski (1938–2013) kennen. Stratiewski seinerseits war Schüler von Michail Druskin, der zentralen Figur der Leningrader Musiktheorie und Musikwissenschaft, selbst Schüler von Boris Assaew und Artur Schnabel(!). So ist Yoffe kein Fremder in der sowjetischen Musiktradition und allgemein in der sowjetischen Kultur – kein Fremder und doch ein Außenseiter, ein Anderer, und seine Individualität entflieht jeder Verbindung mit dem sowjetischen Modell des Seins und dessen musikalischen heroisch-symphonischen Pendant. In diesem Widerspruch – Erfahrung der Zugehörigkeit zu einer Kultur und doch völlige Unabhängigkeit von ihr – liegt eine besondere Kraft, eine besondere Stärke: Yoffe vermag es, einen künstlerischen Text gleichzeitig von innen und von außen zu erleben. Was ihn leitet, ist keine Hassliebe, sondern etwas viel Ruhigeres und Weiseres, eine Leidenschaft ohne Hysterie, ein brennendes Interesse ohne den Snobismus eines Sammlers.

Aber vor allem diente der Arbeit Yoffes feinfühliges musikalisches Gespür und sein Talent nicht zuletzt eines kreativen Interpreten. Viele vergessene Partituren hätten unter seinem Dirigentenstab die besten Chancen für eine Auferstehung!

* * *

Ich möchte Sie, verehrter Leser, allerdings vorwarnen: mit diesem Buch kommt auf Sie keine musikwissenschaftliche bzw. wissenschaftsmusikalische Faktenaufzählung zu. Sie werden einen Spaziergang an der frischen Luft wagen müssen, in einem dunklen Wald intuitiv nach dem Weg suchen müssen, Sie werden am Kolyma-Ufer frieren und die heiße moskauer Mischung aus Asphalt und Beton einatmen müssen. Und eine weitere Vorwarnung: falls Sie nicht bereit sind, Witz und Ironie in einem ernsten Buch zu akzeptieren, sind Sie in diesem Wald verloren! Und falls Ihnen das Witzige entgehen sollte, so wird sich Ihnen auch das Erhabene entziehen. Dieses Buch ist ein lebendiger Kompass, mit dem man vergessene und verblichene Wege wiederfinden kann – Wege, die einmal versprochen haben, zu Hauptwegen zu werden.

Heutige Orchester könnten ihre Repertoire-Probleme mit diesem Kompass verringern: Wir sehen z. B., wie sich Mieczysław Weinbergs Musik in der gegenwärtigen Konzertpraxis etabliert, dabei ist Weinberg bei Weitem nicht der interessanteste unter den vergessenen sowjetischen Symphonikern. Die Musikliebhaber in Deutschland und in der ganzen Welt kennen kaum solche Meister wie… Aber ich will hier nicht einzelne Namen auflisten; Sie, verehrter Leser, werden sie selbst mit Boris Yoffes Hilfe entdecken können. Große Namen, kleine Namen, wahre Namen…

Die mit diesem Buch verbundene Hoffnung ist das Erwachen der Musik. Der Autor möchte mit dem Buch keine persönlichen Vorteile für sich erzielen, er folgt seinem Gewissen und seiner Überzeugung. Werden dank des von ihm kreierten Kompasses die vergessenen Wege zu lebendi- gem Orchesterklang, so wird auch seine Arbeit belohnt, und das bittere skeptische Motto Wer braucht all das? wird zu einem Zauberspruch, der das Gegenteil des Ausgesprochenen bewirkt.

Ruslan Khazipov Freiburg, den 31. Januar 2014

Best of: Musik der Sowjetunion (2. Teil)

… von Ruslan Khazipov

3. Ljatoschinski – Symphonie Nr. 2 (1935)

Boris Ljatoschinski ist ein anerkannter ukrainischer Klassiker, einer der Väter der ukrainischen, professionellen Musik und Komponistenschule. Das ist die offizielle Darstellung seiner Figur. Eher formal ist er anerkannt — seine Musik hingegen ist immer noch ziemlich unbekannt. Für mich ist er einer der besten Komponisten seiner Zeit, der auf einer Stufe mit Popov, Bartok, Schostakowitsch, Berg oder Prokofiev steht. Mit seiner Zeit, seiner Epoche und dem Zeitgeist hat Ljatoschinski aber eine ganz individuelle Auseinandersetzung. Es ist sehr schwer ihn in eine Schublade zu sortieren. Stilistisch ist seine Musik klar, alle Einflüsse sind erkennbar. Doch seine Motivation, Ideologie und das Innere sind höchstindividuell und geheimnisvoll.

Ljatoschinski war auch wie Roslawetz ein grosser Skrjabinanhänger und stand auch nah zur frühen Avantgarde und dem Expressionismus, doch ohne den Versuch, ein System zu finden. Zum Beispiel: einige Stellen (vor allem das Scherzo) im zweiten Streichquartett erinnern lebhaft an die Lyrische Suite von Alban Berg, die vier Jahre später geschrieben wurde. Mit Berg vereinen Ljtoschinski ebenfalls die persönlichen, inneren und heimlichen Tendenzen seines Schaffens.

In den 30er Jahre entwickelt Boris Ljatoschinski einen traditionelleren Stil, der äußerlich eigentlich in die neue, sozialistisch-realistische Realität passen sollte. Doch er passte doch nicht ganz: Die Zweite Symphonie, die ich als Beispiel für Ljatoschinskis Ästhetik hier eingetragen habe, steht noch auf der stilistischen Kreuzung und tendiert zum neuen, von der Macht weniger ungewollten Stil – die Symphonie wurde 1937 nicht zur Uraufführung zugelassen und wurde schon vor der geplanten Premiere von der Presse kritisiert. 

Wie ich bereits erwähnte: Ljatoschinski passt sich den fremden, offiziösen Geist nicht an (abgesehen von einigen Ausnahmen, wie im schrecklichen zweiten Finale seiner besten Symphonie – der Dritten (1951), die in ihrer ersten Fassung scharf kritisiert und verboten wurde; aus für mich unklaren Gründen wird diese Symphonie immer noch mit dem falschen Finale aufgeführt! Sonst hätte ich diese Symphonie in die Liste eingefügt…). Auch wenn seine Musik äußerlich typisch sowjetisch zu sein scheint, ist sie meiner Meinung nach im Grunde überhaupt nicht sowjetisch (ob sie antisowjetisch ist, kann man diskutieren). Im Schaffen Ljatoschinskis dieser Jahre finden wir einen Teil des Prozesses, der sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat: Die Verbreitung der west-europäischen musikalischen Sprache nach Osteuropa durch die Entstehung von „Nationalschulen“. Auch vor Ljatoschinski gab es gute Komponisten in der Ukraine, jedoch haben es diese nicht geschafft, einen neuen Strom voranzubringen, der die Geschichte der europäischen Musik hätte bereichern können. Ljatoschinski hat es geschafft, und nimmt dadurch die selbe Stelle in der ost-europäischen Musik ein wie Liszt und Bartok, Smetana und Dvorak, Chopin und Szymanowski oder Glinka und Tschaikowski. Deswegen ist seine Musik weder eine Stilisierung, noch ein Anachronismus. Ljatoschinski ist wie Spätgotik, die noch in der Blütezeit der Renaissance (wie die Kathedrale in Luxemburg) existierte, und durch den neuen Stil frische Züge bekommen hat.

Das Märchenhafte, Fantastische und Mystische – typische Elemente des (Spät)Romantismus – bekommen in Ljatoschinskis Kunst eine neue Dimension: das, was letztendlich harmlos und unterhaltsam war, wandelt sich zur einer eigenen echten Welt, die man nicht vergessen kann, wenn man sie einmal kennengelernt hat. Jede Symphonie von Boris Ljatoschinski grenzt nah an eine Vision, eine Offenbarung, die nicht den äußerlichen, fremden Mythen und Erwartungen dient.

Best of: Musik der Sowjetunion (1. Teil)

…von Ruslan Khazipov

Es ist ziemlich schwer, zehn treffende Werke aus der sowjetischen Zeit und dem großen Raum der sowjetischen Republiken auszuwählen, um eine volle Übersicht über die Musikwelt dieser Epoche zu schaffen: Die Breite der wunderbaren und hochwertigen Werke, die zumindest hörenswert sind, kann sich mit den Breiten Russlands messen, genauso wie die Maßstäbe schlechter und lebloser Musik nicht minder als die ganze Union der Sozialistischen Sowjetrepupliken zu sein scheint! Ich habe versucht, nur schöne, großartige, originelle und interessante Kompositionen auszusuchen, welche die Fähigkeit haben, ein Panorama der Richtungen und Leistungen der hier besprochene Epoche aufzuzeigen.

Ich habe auf Namen wie Schostakowitsch und Prokofiev verzichtet. Ich bin der Überzeugung, dass diese Namen so bekannt sind, dass fast jeder, der gerade diese Einleitung liest, bereits das Schaffen dieser Komponisten mehr oder minder kennt. Ist dies nicht der Fall, oder falls jemand seine Höreindrücke auffrischen will, kann ich gerne Links zur Musik von Schostakowitsch oder Prokofiev heraussuchen.

Die Reihenfolge der ausgewählten Werke ist nicht beliebig. Die Linksammlung erscheint in mehreren Etappen. Zum besseren Verständnis ist es sinnvoll, die Links in der von mir vorgeschlagenen Reihenfolge zu hören. (Ich bin aber auch dann schon froh, wenn mindestens ein Werk aus der folgenden Liste angehört wird…)

1. Popov – 1. Symphonie (1929-1932)

Die erste Symphonie von Popov vereint in sich fast alle Richtungen, Tendenzen und Traditionen der Sowjetischen Musik, die es gab und noch geben sollte. Hier findet man: einen Geist der Avantgarde, eine Fortsetzung der symphonischen europäischen Tradition (laut Yoffe sei diese Symphonie „ein verlorenes Bindeglied zwischen Mahler und Schostakowitsch“), einen Versuch – in dem Fall ist dieser Versuch vollkommen gelungen – eine neue, adäquate Sprache und Darstellung der neuen Realität zu schaffen. Vielleicht ist dieses Werk das Einzige, in dem man eine Quintessenz des Zeitgeistes sehen bzw. hören kann. Als Strafe für diese zu weitgehende und allsehende Offenbarung wurde Popov im Jahr 1935 nach der Erstaufführung verbal von den Ideologen zerquetscht. Seine Symphonie wurde verboten und nie mehr in der UdSSR aufgeführt (die zweite Aufführung wurde erst im Jahr 1989, in der Zeit des Umbruchs, aufgeführt und aufgenommen; diese Aufnahme benutze ich hier) – es ist das erste große Werk in der Reihe stummgemachter Musik der 30er Jahre (wie die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ und die 4. Symphonie Schostakowitschs, die 2. Symphonie von Ljatoschinki usw.).

 

2. Roslawetz – Violinkonzert Nr. 1 (1925)

Roslawetz bezeichnet man oft als „russicher Schönberg“: Er suchte auch nach einem eigenen System und hat sich selbst nicht als Komponist bezeichnet, sondern als „Klangorganisator“. Aber noch mehr verbindet Roslawetz mit dem Schaffen von Alexander Skrjabins. Skrjabins Einfluss war damals enorm: Selbst in Popovs Symphonie kann man skrjabinsche Spuren finden (was kann man da aber nicht finden?). Wenn man in Roslawetz einen Skrjabinisten und Expressionisten sehen kann, ist seine Musik oft distanziert und wirkt fast akademisch im Sinne eines Brahms. Genau wie Brahms und Schönberg zeigt Roslawetz volkommenes kompositorisches Können und Meisterschaft, die mit einem bestimmten Mass Abstand zum Material einen etwas künstlichen Beigeschmack haben können. Wenn man in solchen Kategorien wie Meisterschaft und Können denkt, wäre es eigentlich nicht falsch zu sagen, dieses Violinkonzert sei mindestens auf dem Niveau Schönbergs, Bartoks, Prokofievs (der damals in Europa lebte und arbeitete) oder Szymanowskis Violinkonzerten.