Die Stimme des Vaters

Nach Andrei Platonows gleichnamigen Theaterstück (1940), bearbeitet und übersetzt von Ruslan Khazipov und Clemens K. Thomas.

JAKOW
Vater, warum bist du gestorben? Warum liegst du hier allein im Grab? Ich liebe dich doch sowieso!

DIE STIMME DES VATERS
Ich bin nicht hier, mein Lieber. Das Grab unter dir ist leer.

JAKOW
Aber wo bist du dann? Ich bin zu dir gekommen…

DIE STIMME DES VATERS
Im Grab ist niemand – nur Erde, und was dort eingeht, wird auch zu Erde. Aber Erde verwandelt sich in Blumen und in Bäume – und geht durch sie hinaus ans Licht.

JAKOW
Aber wo bist du denn jetzt, Vater?

DIE STIMME DES VATERS
Ich bin in deinem Herzen und in deiner Erinnerung. Ohne dich bin ich tot für immer.

JAKOW
Papa, und wie wirst du leben, wenn ich auch irgendwann sterbe?

DIE STIMME DES VATERS
Dann verschwinde ich zusammen mit dir.

JAKOW
Aber ich vergesse dich oft, wo lebst du dann?

DIE STIMME DES VATERS
Ich lebe dann in deinem Vergessen.

JAKOW
Papa! Warum willst du noch leben, wo du schon gestorben bist?

DIE STIMME DES VATERS
Nein, mein Leben ist beendet. Aber ich will dich vor Leid bewahren. Darum lebe ich dir zur Hilfe.

JAKOW
Du lebst nur meinetwegen?

DIE STIMME DES VATERS
Ich quäle mich für dich, damit du mich nicht verrätst.

JAKOW

Verraten?

DIE STIMME DES VATERS – singt seine Romanze:
Sieh dich um. Hier sind nur Gräber. Und in ihnen sind Menschen. Sie alle starben, ohne das wahre Leben kennengelernt zu haben. Sie alle, die Toten, sind nicht deshalb gestorben, weil ihr Körper vor Glück ermattete und der Verstand vor Wahrheit. Nicht deshalb. Doch wollten auch wir eine große Welt der edlen Menschheit erschaffen. Wir glaubten an die schöne Seele des Menschen.  Wir glaubten nicht in uns selbst, sondern in dem künftigen Menschen. Und wir geben diese Hoffnung weiter an euch, unsere Kinder. Und ihr dürft uns nicht verraten. Und wenn ihr uns verratet, dann ebnet unsere Gräber ein!

JAKOW (lächelnd)
Papa! Du bist vor langer Zeit gestorben. Deine Arbeit über Kraftstoff für Maschinen hat inzwischen Millionen Tonnen Masutöl eingespart, und Mama bekommt eine Rente.

DIE STIMME DES VATERS
Die Natur ist kein Feind des Menschen.

JAKOW
Wer ist denn der Feind des Menschen?

DIE STIMME DES VATERS
Ein Mensch.

JAKOW
Und wer ist sein Freund?

DIE STIMME DES VATERS
Auch ein Mensch: In den Händen einer Bestie wird die höchste Technik nur eine Waffe gegen den Menschen.

JAKOW (aufgeregt)
Du hast recht, Vater! So machen es jetzt die Feinde der Menschen, aber wir zerquetschen sie, weil die beste Technik – das ist der hochwertigste Mensch, und der lebt bei uns in der Sowjetunion.

DIE STIMME DES VATERS
Wodurch hast du das erkannt?

JAKOW
Das habe ich bei Stalin gelernt.

DIE STIMME DES VATERS
Worin besteht seine Lehre?

JAKOW – singt seine Arie:
Ich habe selbst noch nicht alles begriffen. Aber ich weiß, dass Stalin alle Menschen belehrt, treue Kinder ihres Vaters zu sein, er befiehlt, niemals das zu verraten, was in den Vätern an Höchstem und Menschlichem war, er will aus der menschlichen Heldenseele ein Weltgesetz schaffen. Er war selbst Schüler Marx’ und Lenins.

Hier erscheinen der Angestellte und der Milizionär. Sie sprechen und singen alles gleichzeitig.

ANGESTELLTER (spricht)
Wir
werden hier einen Vergnügenspark anlegen! Ach! Hier wird:
– singt sein Liedchen: –
Karusell, Feuerwerk, Sauermilch, Brottrunk, Kompott, Eis, Dosenwerfen, Waffeln, Brötchen, Dirnen und Rumtreiber, Imbissbuden, Pfannkuchen, Wurstsemel, Kohlsuppe, Fruchtgetränke, Ziehharmonikaspieler! Karamel, Feuermilch, Sauerwerk, Furchttrunk, Kompass, Vieh, Dosenbuden, Waffen, Bettchen, Treiber und Rumdirnen, Imbisswerfen, Pfannsuppe, Kohlsemmel, Wurstkuchen, Brotgeschenke, Eisharmonikaspieler! – Das sind wir! – Pfannensport, Euerzwerg, Monika, Kohlbrust, Affe, Hau, Karowerfen, Mädchen, Bube, Nieder, rund, Umspieler, Semmelpuppe, Furcht-im-Bus, Bett-ist-heiss, Zahntreiber, Busen-samen, Dosengetränke-Saumilch! – Wir lieben es, Schönheit und Nutzen aus Altstoffen zu bauen! – Aruel, Uerwk, Aeich, Otun, Omo, Ih, Osenere, Ael, Bötn,  Dine-ud-Utibr, Ibibue, Pankue, Wueme, Koupe, Rugäreke, Iaoniapile! WK! CH! TN! SNS! BR! RG! PN!

MILIZIONÄR
Wart ihr das nicht, die im Vorortbezirk eine Schmiede kaputt machten und aus der Schmiede ein Badehaus bauten? Und dann habt ihr das Badehaus abgerissen und wieder eine Schmiede gebaut? Und so weiter: mal das Badehaus, mal die Schmiede, bis das ganze Material verbraucht war.

Der Milizionär und der Angestellte stellen ein Lenin-Denkmal auf – genau dorthin, wo das Grab des Vaters war. 

JAKOW (am Lenin-Denkmal)
Vater! Ich will allein leben für Euch alle die Toten!

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