„Im Fluss des Symphonischen“

yoffe_symphoniker

… so lautet der Titel von Boris Yoffes Buch über die sowjetische Symphonik. Es erschien 2014 im Wolke Verlag. Im Vorwort schreibt Ruslan Khazipov…

Über den Autor. Über das Buch

Der Autor dieses Buches, Boris Yoffe (geb. 1968) ist Komponist. Sein wichtigstes Werk, das Quartettbuch, hat nichts mit der Orchestermusik und dem symphonischen Denken gemeinsam, ebensowenig seine Symphonie für Gitarre, Gambe, Cello und Stimme. Yoffe war weder Schüler der sowjetischen Klassiker, noch ist er ihr musikalischer Nachfolger. Trotzdem gehört ausgerechnet ihm die Idee dieses Buches – eine Idee, zu deren Realisierung er zunächst ihm bekannte Musikwissenschaftler zu animieren versuchte, mit Freude und Enthusiasmus. Niemand hat aber diese Idee aufgenommen, oder man hielt diese Aufgabe für zu schwer! Nach der Publikation seines Buches Musikalischer Sinn begann Boris Yoffe sich erneut intensiv mit dem symphonischen Thema auseinan- derzusetzen und er versuchte mich zu überzeugen, ein Buch darüber zu verfassen. Schließlich ließ ich mich für die Idee begeistern und sagte zu, einen Großteil des Textes zu schreiben… Allerdings war es zu erwarten, dass Boris – mit seiner brennenden Hingabe und seinem ungeheuren Arbeitstempo – letztendlich das Ganze selbst in die Hand nehmen würde, um seine Ursprungsidee adäquat zu verwirklichen. Was dann ganz in meinem Sinne war: so würde ich seine neuen scharfsinnigen, lebendigen und tiefgründigen Texte lesen können! Meine Erwartungen haben sich bestätigt, er hat sich alsbald intensivst in die Nachforschungen vertieft, und mein Teil der Arbeit beschränkte sich allein auf ein Kapitel zu einem für mich besonders wichtigen und interessanten Thema. Abgesehen davon ist mein Bezug zur sowjetischen Kultur eher indirekt, mein bewusstes Leben begann erst nach der Wende, wobei Boris Yoffe…

Boris Yoffe, Autor des Quartettbuches und kein Schüler Tischtschenkos oder Slonimskis, wurde geboren in der von Peter dem Großen erfundenen Stadt Leningrad, in der mythischen Union der sowjetischen Republiken. Dort ging er zur Schule, dort bekam er ersten Violinunterricht und dort hätte für ihn fast eine erfolgreiche Geigen-Virtuosen-Karriere begonnen – mit dem Violinkonzert von… Chrennikow! Dort lernte er seinen wichtigsten Lehrer, den brillanten Musiktheoretiker Adam Stratiewski (1938–2013) kennen. Stratiewski seinerseits war Schüler von Michail Druskin, der zentralen Figur der Leningrader Musiktheorie und Musikwissenschaft, selbst Schüler von Boris Assaew und Artur Schnabel(!). So ist Yoffe kein Fremder in der sowjetischen Musiktradition und allgemein in der sowjetischen Kultur – kein Fremder und doch ein Außenseiter, ein Anderer, und seine Individualität entflieht jeder Verbindung mit dem sowjetischen Modell des Seins und dessen musikalischen heroisch-symphonischen Pendant. In diesem Widerspruch – Erfahrung der Zugehörigkeit zu einer Kultur und doch völlige Unabhängigkeit von ihr – liegt eine besondere Kraft, eine besondere Stärke: Yoffe vermag es, einen künstlerischen Text gleichzeitig von innen und von außen zu erleben. Was ihn leitet, ist keine Hassliebe, sondern etwas viel Ruhigeres und Weiseres, eine Leidenschaft ohne Hysterie, ein brennendes Interesse ohne den Snobismus eines Sammlers.

Aber vor allem diente der Arbeit Yoffes feinfühliges musikalisches Gespür und sein Talent nicht zuletzt eines kreativen Interpreten. Viele vergessene Partituren hätten unter seinem Dirigentenstab die besten Chancen für eine Auferstehung!

* * *

Ich möchte Sie, verehrter Leser, allerdings vorwarnen: mit diesem Buch kommt auf Sie keine musikwissenschaftliche bzw. wissenschaftsmusikalische Faktenaufzählung zu. Sie werden einen Spaziergang an der frischen Luft wagen müssen, in einem dunklen Wald intuitiv nach dem Weg suchen müssen, Sie werden am Kolyma-Ufer frieren und die heiße moskauer Mischung aus Asphalt und Beton einatmen müssen. Und eine weitere Vorwarnung: falls Sie nicht bereit sind, Witz und Ironie in einem ernsten Buch zu akzeptieren, sind Sie in diesem Wald verloren! Und falls Ihnen das Witzige entgehen sollte, so wird sich Ihnen auch das Erhabene entziehen. Dieses Buch ist ein lebendiger Kompass, mit dem man vergessene und verblichene Wege wiederfinden kann – Wege, die einmal versprochen haben, zu Hauptwegen zu werden.

Heutige Orchester könnten ihre Repertoire-Probleme mit diesem Kompass verringern: Wir sehen z. B., wie sich Mieczysław Weinbergs Musik in der gegenwärtigen Konzertpraxis etabliert, dabei ist Weinberg bei Weitem nicht der interessanteste unter den vergessenen sowjetischen Symphonikern. Die Musikliebhaber in Deutschland und in der ganzen Welt kennen kaum solche Meister wie… Aber ich will hier nicht einzelne Namen auflisten; Sie, verehrter Leser, werden sie selbst mit Boris Yoffes Hilfe entdecken können. Große Namen, kleine Namen, wahre Namen…

Die mit diesem Buch verbundene Hoffnung ist das Erwachen der Musik. Der Autor möchte mit dem Buch keine persönlichen Vorteile für sich erzielen, er folgt seinem Gewissen und seiner Überzeugung. Werden dank des von ihm kreierten Kompasses die vergessenen Wege zu lebendi- gem Orchesterklang, so wird auch seine Arbeit belohnt, und das bittere skeptische Motto Wer braucht all das? wird zu einem Zauberspruch, der das Gegenteil des Ausgesprochenen bewirkt.

Ruslan Khazipov Freiburg, den 31. Januar 2014

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