Die Neue Welt als Neue Sprache

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern“, schrieb Marx schon 1845. Die Welt zu verändern, zu verbessern, zu – das treffendste Wort – zu erneuern strebte ganz bewusst dann Richard Wagner an, und zu Beginn des 20. Jahrhundert hat es nur der Faule nicht angestrebt. Poeten, Philosophen, positivistisch gesinnte Wissenschaftler, Theosophen, Anthroposophen, Sektanten aller Art, Politiker und andere, die sich als Revolutionäre gesehen haben, hofften auf den baldigen Untergang der alten, schlechten Welt und warteten ungeduldig auf die Geburt einer neuen, guten. Jeder hatte eigene Vorstellungen von ihr, und jeder wusste den besten, geraderen Weg. Der wichtigste Nachfolger Wagners, Alexander Skrjabin, hat sich gefreut, als er über den Ausbruch des Weltkrieges gelesen hat: aha, das ist ja der Auftakt zu meinem großen Mysterium, dessen Klang die Welt zu einer Untergang und einem Wiedergeburt bringen soll!

Der Krieg, die feierliche Parallelaktion, war eine Menschenopferung von unerhörtem Ausmaß – man kann daneben nur mit Sehnsucht an die Rituale von Azteken, Katharervernichtung oder Hexenjagd denken; die schrecklichen Opfer wurden im Namen der noch unklaren, ungewissen Erneuerung gebracht, die eine Zerstörung des Alten ja voraussetzte.  Und als das Alte zerstört wurde, war der Massenwahn noch nicht vorbei, es ging weiter mit der Russischen Revolution, dem Brüderkrieg und kommunistischen Terror, mit dem Faschismus und wildem Nationalismus – und hielt erst am Rande des letzten Abgrunds an. Das Neue bekam klare pseudowissenschaftliche Züge. Die reinen Toren à la Siegfried und Parsifal, Gefolge Ludwigs II. und sadistischen Matrosen, die die sexuelle Fantasien Barons de Charlus in Erfüllung brachten, zu revolutionären Massen geworden, brachten immer neue grausame Hekatomben im Namen des historischen Materialismus oder der Rassentheorie; ihr Verbrechen wurde durch die „objektive historischen bzw. sozialem bzw. Rassen-Gesetze“ gerechtfertigt, entschuldigt und gar zu Heldentaten erhoben.

Das Alte war weg, das erhoffte bessere Neue kam aber auch nicht. Klarer als durch Werke von Platonov und Charms kann man es heute kaum erfahren… Und als der Zweite Weltkrieg vorbei war, war der Mensch sich selbst so widerlich, dass die einzige Aufgabe der Kunst die Büsse wurde – oder später die Suche nach dem zerstörten Alten. Um die Jahre 1900-1914 war dies alles aber nicht zu ahnen, und die Zukunftsvisionen, die Utopien und die welterneuernden Rituale, die damalige Künstler, von Symbolisten bis zu Futuristen mannigfaltig und kraftvoll geschaffen haben, können auch heute faszinieren und fesseln.

Die zentrale Figur in dem russischen Futurismus ist der menschenscheue, schweigsame und im praktischen Leben unbeholfene Vorsitzende der Erdkugel Welimir Chlebnikow, Poet, Magier, Wissenschaftler und Vagabund. Sein Weltbild scheint widerspruchsvoll und fantastisch – Begeisterung für Technik und Mathematik, Idealisierung des Archaischen, Vertauschen des Rationalen und Irrationalen, des Magischen und Wissenschaftlichen –, ist dabei auf einer intuitiven Ebene erstaunlich einheitlich und überzeugend. Es dreht sich um die Achse Sprache-Realität. Die Realität, das Leben an sich, erfahren wir – von extremen Grenzsituationen abgesehen – nicht unmittelbar, sondern an einem durch Kultur bestimmten Modell angelehnt, vor-interpretiert. Das wichtigste Instrument hier ist die Sprache. Sie modelliert die Welt als eine Unendlichkeit bestimmter Dinge, die gewisse Eigenschaften besitzen und miteinander in Beziehungen treten. Die Erneuerung der Welt fängt mit der Auseinandersetzung mit der Sprache an. Chlebnikow erfindet nicht eine neue Sprache, sondern vertieft sich in die schon vorhandene, Russische, und versucht einerseits der Verbindung mit dem Klang, seiner Bedeutung und durch ihn bezeichneten Gegenstand auf die Spur zu kommen, andererseits die Syntax und Grammatik so zu verfeinern, dass man die durch sie abgebildeten Beziehungen der Dinge unmittelbarer erlebt. Die Umgestaltung der Welt beginnt bei Chlebnikow mit der Verfeinerung der individueller Wahrnehmung, mit der neuen Temperierung der Sprache als ein Instrumentes der Schaffens.

In seiner Madame Lenin stellt er zwei Reihen gegeneinander: einerseits die reine „durchsichtige“ Wahrnehmung, das Sehen, das Hören, das Betrachten, das Sein, das Leiden – und andererseits das Machen, das Interpretieren, das Wissen, das Schmerz-zu-zufügen. Die Assoziationen, die der Name Lenin hervorruft, lässt mich eine mythische Frau Lenin einem historischen Herrn Lenin gegenüberzustellen – wobei jeder hier eine dieser Reihen repräsentiert. In dem Assozoationsspiel erlaube ich mir auch eine Verallgemeinerung zur Vorstellungen vom „ewig Weiblichen“ und „ewig Männlichen“ – wie auch eine konkrete Parallele zu entsprechenden Protagonisten des christlichen Mythos.

von Boris Yoffe

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