Podcast #4 – Stimmen im Kopf

Unter Mitwirkung von:

Sprecherin: Helena Stössel
Sprecher und Spieluhr: Steffen Schwendner
Konzeption und Schnitt: Clemens K. Thomas

Shownotes:

Weiterführende Links findet ihr hier:

  • Das Evenos Quartett spielt aus dem Quartettbuch:

Die bisherigen Folgen des Podcasts

Podcast #1 – Radio der eingetretenen Zukunft

Podcast #2 – Die Stimme aus dem Blumentopf

Podcast #3 – Die Stimme aus dem Grabstein

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Madame Lenin

von Welimir Chlebnikow
neu übersetzt von Boris Yoffe, 2016

I

Stimme des Sehsinns:
Eben hörte der Regen auf
und auf den krummen Enden
des dunkel gewordenen Gartens
hängen Tropfen des Schauers.

Stimme des Hörsinns:
[Stille.]
Man hört, dass die Gartentür
von jemanden geöffnet wird
Jemand geht auf dem Gartenweg.

Stimme der Vernunft:
Wohin?

Stimme der Überlegung:
Man kann hier nur in eine Richtung gehen.

Stimme des Sehsinns:
Von jemandem erschrocken
fliegen weg die Vögel.

Stimme der Überlegung:
Von dem, der die Tür aufgemacht.

Stimme des Hörsinns:
O weh,
Die Luft ist voll von ängstlichem Gezwitscher
Es schallen laute Schritte.

Stimme des Sehsinns:
Kommt näher
mit seinem langsamen Gang
Kommt nah den Gang.

Stimme der Erinnerung:
Der Arzt Loos.
Er war dann nicht so lang her.

Stimme des Sehsinns:
Er ist ganz schwarz.
Der Hut ist tief gesetzt über die lächelnden blauen Augen.
Heute wie immer ist sein roter Schnurrbart zu den Augen hoch gerichtet
und das Gesicht ist rot und selbstgefällig.
Er lächelt, als ob seine Lippen etwas sagen würden.

Stimme des Hörsinns:
Er sagt: „Guten Tag Madame Lenin“,
und: „es ist schönes Wetter heute, nicht wahr?“

Stimme des Sehsinns:
Seine Lippen lächeln selbstgefällig.
Die Erwartung einer Antwort steht auf seinem Gesicht.
Sein Gesicht wird streng im Ausdruck.
Sein Gesicht und sein Mund fangen an zu lachen.

Stimme der Vernunft:
Er tut, als würde er mein Schweigen verzeihen,
aber ich antworte nicht.

Stimme des Sehsinns:
Seine Lippen verformen sich zum Schmeicheln.

Stimme des Hörsinns:
Er fragt wieder: wie ist Ihre Gesundheit?

Stimme der Vernunft:
Antworte ihm: meine Gesundheit ist hervorragend.

Stimme des Sehsinns:
Seine Brauen haben sich fröhlich bewegt,
Die Stirn ist gerunzelt.

Stimme des Hörsinns:
Er sagt: „Ich hoffe“

Stimme der Vernunft:
Hör nicht, was er sagt. Bald wird er sich verabschieden.

Stimme des Sehsinns:
Er setzt das Sprechen fort.
Seine Lippen bewegen sich weiter.
Er schaut sanft, bittend und vornehm.

Stimme des Erratens:
Er spricht über etwas Wichtiges.

Stimme der Vernunft:
Soll sprechen. Er bekommt keine Antwort.

Stimme des Willens:
Er bekommt keine Antwort.

Stimme des Sehsinns:
Er wundert sich.
Er macht eine Handbewegung.
Eine unsichere Bewegung.

Stimme der Vernunft:
Man muss ihm die Hand reichen,
ein unerträglicher Brauch.

Stimme des Sehsinns:
Seine schwarze Melone schwimmt in der Luft
hat sich gehoben und niedergelassen auf die blonden Locken.
Er hat sich umgedreht, mit seinen schwarzen graden Schultern,
darauf ein weißes Staubkörnchen, das von der Bürste geblieben ist.
Er entfernt sich.

Stimme der Freude:
Endlich.

Stimme des Sehsinns:
Er schimmert dunkel durch die Bäume.

Stimme des Hörsinns:
Ich höre die Schritte am Ende des Gartens.

Stimme der Vernunft:
Er kommt nicht wieder.

Stimme des Hörsinns:
Die Gartentür schlägt zu.

Stimme der Vernunft:
Die Bank ist nass und kühl.
Und alles ist still nach dem Regen.
Ein Mensch ist gegangen,
und wieder gibt es Leben.

Stimme des Sehsinns:
[Nasse Garten.]
Ein Kreis, von jemand auf den Boden gezeichnet.
Fußabdrücke.
Die Erde ist nass,
das Laub ist nass.

Stimme der Vernunft:
Hier leidet man.
Es gibt das Böse, aber
es wird nicht bekämpft.

Stimme des Bewusstseins:
Der Gedanke wird siegen.
Du, oh Einsamkeit, bist die Gefährtin des Gedankens.
Meide die Menschen.

Stimme des Sehsinns:
Zugeflogene Tauben.
Weg geflogene Tauben.

Stimme des Hörsinns:
Die Tür geht wieder auf.

Stimme des Willens:
Ich schweige.
Ich meide die Menschen.

II

Stimme des Tastsinns:
Hände haben sich bewegt
Meine Hände stoßen auf den kalten Knoten der Ärmel.
Meine Hände sind gefangen.
Die Füße sind nackt.
Ich fühl‘ die Kälte des steinern Bodens.

Stimme des Hörsinns:
Stille.
Ich bin hier.

Stimme des Sehsinns:
Blaue und rote Kreise
drehen sich, bewegen sich
von hier nach dort
Die Dunkelheit.
Ein Licht.
Eine Leuchte.

Stimme des Hörsinns:
Wieder Schritte.
Einer. Noch einer.
Sie sind laut, weil hier ist es so still.

Stimme der Angst:
Wer ist dort?

Stimme der Aufmerksamkeit:
… sind dort hingegangen.
… Haben die Richtung geändert.

Stimme des Verstandes:
Hierher, das heißt zu mir. Sie sind zu mir.

Stimme des Hörsinns:
Bleiben stehen.
Alles ist still.
Die Türen geh’n gleich auf!
Der Schlüssel klirrt.

Stimme der Angst:
der Schlüssel dreht sich

Stimme des Verstandes:
Das sind sie.

Stimme des Bewusstseins:
Mich schaudert’s.

Stimme des Willens:
Nein.
Aber es wird kein Wort fallen.
Ich schweige.
Die Türen gehen auf!
Das sind ihre Worte:
Frau Unheilbare! Kommen Sie bitte. Befehl des Doktors.
Gnädige Frau! Sie wechseln den Raum.
Nein.

Stimme des Bewusstseins:
Ich schweige.

Stimme des Sehsinns:
Sie haben mich umringt.

Stimme des Tastsinns:
Meine Schulter wird berührt von einer Hand.

Stimme der Erinnerung:
… sie war mal weiß…

Stimme des Tastsinns:
Meine Haare berühren den Boden.

Stimme der Erinnerung:
… die langen … die schwarzen

Stimme des Hörsinns:
Sie sagen: Du hältst den Kopf!
Halte die Schulter!
Tragen!
Los!
Sie tragen. Alles ist zu Ende.
Das Weltböse.

Stimme des Hörsinns:
Es wird eine Stimme hörbar:
Wurde die Kranke schon verlegt?
Gehorsamst: Nein!

Stimme des Bewusstseins:
Alles ist gestorben. Alles stirbt.

Podcast #3 – Die Stimme aus dem Grabstein

 

Unter Mitwirkung von:

Sprecherin: Helena Stössel
Sprecher, Spieluhr und Balalaika: Steffen Schwendner
Konzeption und Schnitt: Clemens K. Thomas

Shownotes:

Weiterführende Links findet ihr hier:

Die nächste Folge

#4 – Stimmen im Kopf erscheint am 1. November!

Die Stimme des Vaters

Nach Andrei Platonows gleichnamigen Theaterstück (1940), bearbeitet und übersetzt von Ruslan Khazipov und Clemens K. Thomas.

JAKOW
Vater, warum bist du gestorben? Warum liegst du hier allein im Grab? Ich liebe dich doch sowieso!

DIE STIMME DES VATERS
Ich bin nicht hier, mein Lieber. Das Grab unter dir ist leer.

JAKOW
Aber wo bist du dann? Ich bin zu dir gekommen…

DIE STIMME DES VATERS
Im Grab ist niemand – nur Erde, und was dort eingeht, wird auch zu Erde. Aber Erde verwandelt sich in Blumen und in Bäume – und geht durch sie hinaus ans Licht.

JAKOW
Aber wo bist du denn jetzt, Vater?

DIE STIMME DES VATERS
Ich bin in deinem Herzen und in deiner Erinnerung. Ohne dich bin ich tot für immer.

JAKOW
Papa, und wie wirst du leben, wenn ich auch irgendwann sterbe?

DIE STIMME DES VATERS
Dann verschwinde ich zusammen mit dir.

JAKOW
Aber ich vergesse dich oft, wo lebst du dann?

DIE STIMME DES VATERS
Ich lebe dann in deinem Vergessen.

JAKOW
Papa! Warum willst du noch leben, wo du schon gestorben bist?

DIE STIMME DES VATERS
Nein, mein Leben ist beendet. Aber ich will dich vor Leid bewahren. Darum lebe ich dir zur Hilfe.

JAKOW
Du lebst nur meinetwegen?

DIE STIMME DES VATERS
Ich quäle mich für dich, damit du mich nicht verrätst.

JAKOW

Verraten?

DIE STIMME DES VATERS – singt seine Romanze:
Sieh dich um. Hier sind nur Gräber. Und in ihnen sind Menschen. Sie alle starben, ohne das wahre Leben kennengelernt zu haben. Sie alle, die Toten, sind nicht deshalb gestorben, weil ihr Körper vor Glück ermattete und der Verstand vor Wahrheit. Nicht deshalb. Doch wollten auch wir eine große Welt der edlen Menschheit erschaffen. Wir glaubten an die schöne Seele des Menschen.  Wir glaubten nicht in uns selbst, sondern in dem künftigen Menschen. Und wir geben diese Hoffnung weiter an euch, unsere Kinder. Und ihr dürft uns nicht verraten. Und wenn ihr uns verratet, dann ebnet unsere Gräber ein!

JAKOW (lächelnd)
Papa! Du bist vor langer Zeit gestorben. Deine Arbeit über Kraftstoff für Maschinen hat inzwischen Millionen Tonnen Masutöl eingespart, und Mama bekommt eine Rente.

DIE STIMME DES VATERS
Die Natur ist kein Feind des Menschen.

JAKOW
Wer ist denn der Feind des Menschen?

DIE STIMME DES VATERS
Ein Mensch.

JAKOW
Und wer ist sein Freund?

DIE STIMME DES VATERS
Auch ein Mensch: In den Händen einer Bestie wird die höchste Technik nur eine Waffe gegen den Menschen.

JAKOW (aufgeregt)
Du hast recht, Vater! So machen es jetzt die Feinde der Menschen, aber wir zerquetschen sie, weil die beste Technik – das ist der hochwertigste Mensch, und der lebt bei uns in der Sowjetunion.

DIE STIMME DES VATERS
Wodurch hast du das erkannt?

JAKOW
Das habe ich bei Stalin gelernt.

DIE STIMME DES VATERS
Worin besteht seine Lehre?

JAKOW – singt seine Arie:
Ich habe selbst noch nicht alles begriffen. Aber ich weiß, dass Stalin alle Menschen belehrt, treue Kinder ihres Vaters zu sein, er befiehlt, niemals das zu verraten, was in den Vätern an Höchstem und Menschlichem war, er will aus der menschlichen Heldenseele ein Weltgesetz schaffen. Er war selbst Schüler Marx’ und Lenins.

Hier erscheinen der Angestellte und der Milizionär. Sie sprechen und singen alles gleichzeitig.

ANGESTELLTER (spricht)
Wir
werden hier einen Vergnügenspark anlegen! Ach! Hier wird:
– singt sein Liedchen: –
Karusell, Feuerwerk, Sauermilch, Brottrunk, Kompott, Eis, Dosenwerfen, Waffeln, Brötchen, Dirnen und Rumtreiber, Imbissbuden, Pfannkuchen, Wurstsemel, Kohlsuppe, Fruchtgetränke, Ziehharmonikaspieler! Karamel, Feuermilch, Sauerwerk, Furchttrunk, Kompass, Vieh, Dosenbuden, Waffen, Bettchen, Treiber und Rumdirnen, Imbisswerfen, Pfannsuppe, Kohlsemmel, Wurstkuchen, Brotgeschenke, Eisharmonikaspieler! – Das sind wir! – Pfannensport, Euerzwerg, Monika, Kohlbrust, Affe, Hau, Karowerfen, Mädchen, Bube, Nieder, rund, Umspieler, Semmelpuppe, Furcht-im-Bus, Bett-ist-heiss, Zahntreiber, Busen-samen, Dosengetränke-Saumilch! – Wir lieben es, Schönheit und Nutzen aus Altstoffen zu bauen! – Aruel, Uerwk, Aeich, Otun, Omo, Ih, Osenere, Ael, Bötn,  Dine-ud-Utibr, Ibibue, Pankue, Wueme, Koupe, Rugäreke, Iaoniapile! WK! CH! TN! SNS! BR! RG! PN!

MILIZIONÄR
Wart ihr das nicht, die im Vorortbezirk eine Schmiede kaputt machten und aus der Schmiede ein Badehaus bauten? Und dann habt ihr das Badehaus abgerissen und wieder eine Schmiede gebaut? Und so weiter: mal das Badehaus, mal die Schmiede, bis das ganze Material verbraucht war.

Der Milizionär und der Angestellte stellen ein Lenin-Denkmal auf – genau dorthin, wo das Grab des Vaters war. 

JAKOW (am Lenin-Denkmal)
Vater! Ich will allein leben für Euch alle die Toten!

Podcast #2 – Die Stimme aus dem Blumentopf

Unter Mitwirkung von:

Sprecherin: Helena Stössel
Sprecher, Spieluhr und Blumentöpfe: Steffen Schwendner
Konzeption und Schnitt: Clemens K. Thomas

Shownotes:

Weiterführende Links findet ihr hier:

  • Kostümentwürfe für Makarow (links) und Petersen (rechts) – der Komponist hat da mal zwei Skizzen gemacht:
    MakarowPetersen.png
  • Am Theater im Marienbad in Freiburg wird gerade Charms‘ Kinderstück „Die Reise nach Brasilien“ gespielt – Aufführungen bis zum 5. November. Nicht verpassen!
  • Mehr über Daniil Charms beim Galiani Verlag, bei dem eine vierbändige Werksausgabe erschienen ist. Der Herausgeber Alexander Nitzberg schreibt im Nachwort:
"Die wohl tragischste Geschichte, die Daniil Charms erzählt, ist die Ge­schichte des Wundertäters, der zeit seines Lebens kein einziges Wun­der vollbringt. Es fällt leicht, in ihr Charms eigenes Schicksal zu erblicken. Es fällt leicht, zwischen dem Mann, der geduldig alle Widrigkeiten erträgt, obwohl er sich seiner verborgenen magischen Fähigkeiten durchaus bewusst ist, und ihm, der kaum je eine Chance hatte, sein lite­rarisches Talent auf gebührende Weise zu entfalten und stattdessen zu einem hilflosen und bedrohten Außenseitertum verdammt war, eine Parallele zu ziehen. Es fällt leicht - möglicherweise zu leicht. Zumal der Kern des Vergleichs hinkt: Denn im Gegensatz zu jenem unglücklichen Wundertäter hat Charms, allen Hindernissen zum Trotz, in Leben und Werk stets Wunder gewirkt."

Charms Selbstporträt.png

Daniil Charms: Selbstporträt, 1930er Jahre

Die nächste Folge

#3 – Die Stimme aus dem Grabstein erscheint am 25. Oktober!

Makarow und Petersen n° 3

von Daniil Charms, neu übersetzt von Boris Yoffe

Makarow:
Hier, in diesem Buche, ist über unsere Wünsche geschrieben, und über deren Erfüllung. Lies dieses Buch, und du wirst verstehen, wie eitel unsere Wünsche sind. Du wirst ebenso verstehen, wie leicht es ist, den Wunsch eines Anderen zu erfüllen, und wie schwer ist es, eigene Wünsche zu erfüllen.

Petersen:
Du fängst gar schon feierlich zu reden an. So reden die Indianerhäuptlinge.

Makarow:
Dieses Buch ist ein solches, über das erhaben zu sprechen ist. Allein schon an es denkend, ziehe ich die Mütze ab.

Petersen:
Und die Hände wäschst du dir vor dem Berühren?

Makarow:
Ja, auch die Hände soll man waschen.

Petersen:
Na wasch doch auch die Füße, für alle Fälle!

Makarow:
Das ist unwitzig und grob.

Petersen:
Was ist es denn letztendlich für ein Buch?

Makarow:
Der Titel dieses Buches ist geheimnisvoll…

Petersen:
Hi-hi-hi!

Makarow:
Des Buches Name ist MALGIL.

(Petersen verschwindet)

Makarow:
O Gott! Was ist denn los? Petersen!

Stimme des Petersen:
Was ist passiert? Makarow! Wo bin ich?

Makarow:
Wo bist du? Ich sehe dich nicht!

Stimme des Petersen:
Und wo bist du? Ich sehe dich auch nicht! … Was sind das für Kugeln?

Makarow:
Was soll man nur machen? Petersen, hörst du mich?

Stimme des Petersen:
Ich höre! Aber was ist denn passiert? Und was sind das für Kugeln?

Makarow:
Kannst du dich bewegen?

Stimme des Petersen:
Makarow! Siehst du diese Kugeln?

Makarow:
Welche Kugeln?

Stimme des Petersen:
Lasst los! … Lasst mich los! … Makarow! …

(Stille. Makarow bleibt stehen, von Furcht überfallen, dann greift er das Buch und öffnet es.)

Makarow (liest):
…Allmählich verliert der Mensch seine Form und wird zu einer Kugel. Und, zur Kugel geworden, befreit er sich von all seinen Wünschen.

Vorhang.

Podcast #1 – Radio der eingetretenen Zukunft

Unter Mitwirkung von:

Sprecherin: Helena Stössel
Sprecher, Spieluhr und Hupe: Steffen Schwendner
Konzeption und Schnitt: Clemens K. Thomas

Shownotes:

Weiterführende Links findet ihr hier:

Die nächste Folge…

Podcast #2 – Die Stimme aus dem Blumentopf